Sag mal, wie ist die Kritik-Kultur bei euch im Unternehmen?
Diese Frage wurde einem guten Freund von mir einmal gestellt: “Wie ist die Kritik-Kultur bei euch?” Als er mir davon erzählte dachte ich nur, dass es eine interessante Frage ist.
Diese Frage sollte man sich eigentlich nicht nur selbst stellen. Man sollte sie in Vorstellungsgesprächen stellen. Egal auf welcher Seite des Tisches man sitzt. Für einen Bewerber ist es interessant zu wissen, wie es denn im Unternehmen aussieht. Und als Arbeitgeber ist es interessant zu wissen, wie der Bewerber womöglich mit Kritik umgeht und in welcher Form er sie erwartet. Eine gute, offene und ehrliche Kritik, die konstruktiv formuliert ist, hilft eigentlich fast immer weiter. Bei mir ist es da nicht anders. Wenn ich nicht merke, was ich falsch mache, kann ich mich auch nicht bessern.
Wie sieht es bei meinem Arbeitgeber aus?
Nach mittlerweile fast fünf Monaten stelle ich mir also auch einmal diese Frage: Wie sieht es mit der Kritik-Kultur in der Agentur aus, in der ich arbeite?
Ich kann natürlich nur für das Team sprechen, in dem ich arbeite und die Kollegen, mit denen ich arbeite. Also, wie sieht es bei achtung! aus? Die kurze Antwort: So weit ich es mitbekommen habe, sehr gut! Das äußert sich für mich in verschiedenen Formen. Den Anfang macht das sehr subjektive Gefühl, jederzeit fragen zu können, ob meine Arbeit oder meine Art in Ordnung ist und wo ich etwas verbessern kann/muss.
Aber ganz konkret wird es auch im direkten Feedback. Ich arbeite an einem Projekt, das für mich neu ist und daher bin ich natürlich bei einigen Aufgaben etwas unsicher. Ich kann mich direkt an einen erfahreneren Kollegen wenden, um Rat und Hilfe bitten. Das sollte natürlich nicht Oberhand nehmen, da ich schließlich das Projekt bearbeiten soll und nicht der Kollege. Auch wenn ich meine Aufgaben erledigt habe, wird sie noch einmal mit einer Senior-Person besprochen. Es wird analysiert, was ich gut und was ich weniger gut gemacht habe. Dabei wird, auf meinen Wunsch hin, kein Blatt vor den Mund genommen. Erst wenn man mir klar sagt, was ich falsch mache, kann ich daran arbeiten. Ich weiß, dass ich nicht alles weiß. Wer tut das schon?
Offene Kritik nicht nur auf professioneller Ebene
Doch es geht auch um das Miteinander. Kann ich einem Kollegen sagen, dass er an einer Stelle vielleicht besser anders reagieren sollte in Zukunft? Kann ich meine Meinung zu Projekten, Prozessen oder Ähnlichem offen äußern, ohne mit Problemen rechnen zu müssen? Wird mir offen gesagt, wenn ich mich auch mal zwischenmenschlich nicht angemessen verhalte, sei es aus Stress oder Nachlässigkeit?
All diese Fragen kann ich mit “ja” beantworten. Natürlich macht immer der Ton die Musik, keiner steht darauf, immer nur seine Fehler vor die Nase gehalten zu bekommen. Ein Beispiel? Ich war in den letzten Wochen sehr angespannt, weil ich zum ersten Mal ein größeres Projekt zu verantworten hatte. Ich musste mich in Prozesse einfinden und die Aufgaben erledigen. Das war alles recht neu für mich und nahm mich sehr in Anspruch. Leider litten meine Umgangsformen darunter. Selbstverständlichkeiten wie “bitte” und “danke” entglitten meiner Aufmerksamkeit. Ich persönlich finde es eigentlich wichtig, auf Höflichkeit zu achten. Es hat etwas mit der Wertschätzung des Gegenüber zu tun. Daher war ich umso schockierter, als ich einmal zur Seite genommen wurde und sehr dezent gefragt wurde, ob alles in Ordnung ist. Klar, ich war gestresst, aber so müde sah ich nicht aus, dachte ich. Aber das war es auch gar nicht. Mir war nicht einmal aufgefallen, wie ich mich verhalten hatte. Fast zwei Tage lang. Als ich darauf aufmerksam gemacht wurde, war es natürlich im ersten Moment ein Schock, aber ich war auch sehr dankbar. So konnte ich darauf achten. Ich konnte an mir arbeiten und weiß jetzt, dass ich da eine Schwachstelle habe. Am nächsten Tag wurde ich übrigens darauf angesprochen, dass ich wieder “so wie sonst” sei. Auch das gehört für mich zu einer guten, positiven Kultur-Kritik.
Wenn ich weiß, woran es hapert, weiß ich woran ich arbeiten muss
Die Folge aus der Kritik-Kultur, die ich zur Zeit in dem Unternehmen, in dem ich arbeite, kennenlerne ist eine sehr interessante: Ich sehe sehr deutlich, woran ich an mir noch arbeiten kann und muss. Es ist ganz klar, was ich noch lernen muss. Ich habe das Gefühl, dass ich das hier sehr gut machen kann. Ich kann mich hier entfalten und noch sehr viel lernen. Und darum gefällt es mir hier.
Also: sag mal, wie ist eigentlich die Kritik-Kultur bei euch im Unternehmen?